Peter Gabriel - Scratch My Back
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27. Januar 2010

Scratch My Back: Ein Tagebuch

Ich warne euch: in diesem Beitrag wird es höchst subjektiv zugehen. Nach ein paar Tagen mit Scratch My Back haben sich so viele Eindrücke in meinem Kopf gesammelt, dass ich diese nun – etwas ungewöhnlich – in Tagebuchform niederschreibe. Ich erhebe ausdrücklich nicht den Anspruch mit diesem Text eine Besprechung nach musikwissenschaftlichen Kriterien durchzuführen. Seht es einfach als meine persönliche Art, eine Rezension zu verfassen.

Donnerstag, 21. Januar. Ich erhalte Scratch My Back und bin natürlich hyper-nervös, angesichts der Tatsache, dass ich nun kurz vor meiner persönlichen Hör-Premiere eines Peter-Gabriel-Albums stehe. Als mir das bewusst wird beschließe ich, mir die Platte im Wohnzimmer in entsprechender Qualität anzuhören. Heroes läuft und ich neige dazu, den Titel zu überspringen, da er mir bereits durch die Donate-for-Haiti-Aktion bekannt ist. Zu groß ist die Neugier auf die anderen Songs. Dann Boy In The Bubble. Mirrorball. Flume. Spontan bewegen mich diese subtilen Songs nicht wirklich. Ich erwische mich, wie ich auf Book of Love, als weiteren vorab bekannten Song, warte. Listening Wind folgt. Das ist die einzige Nummer, den ich bis dahin sofort gut finde. Im weiteren Verlauf des Ersthörens überwiegt jedoch die Ernüchterung und meine Befürchtungen scheinen sich zu bestätigen. Mir fehlt die für Peter Gabriel so typische Tiefe. An vielen seiner Songs beeindruckte mich, dass man auch noch nach dem hundertsten Hören neue Details der Instrumentierung heraushören konnte. Doch hier gibt es nichts außer seine einmalige Stimme und eher minimalistische Orchestermusik. Etwas enttäuscht widme ich mich anderen Dingen.

Freitag, 22. Januar. An diesem Morgen arbeite ich zu Hause am Rechner. Im Hintergrund läuft ohne Unterbrechung und in ordentlicher Lautstärke Scratch My Back. Zunächst verschlimmert sich mein Empfinden. Ich habe das Gefühl, die ganze Platte ist ein einziges langweiliges Orchesterstück. Mir fällt es schwer, die einzelnen Songs überhaupt zu unterscheiden.
Nach einigen Umdrehungen ist endlich Änderung in Sicht. Von Listening Wind bin ich schnell absolut begeistert. Es ist neben Book of Love sicher der eingängigste Song der ganzen Platte. Ich stelle erfreut fest, dass auch bei den anderen Songs so langsam der Funke springt, ich Passagen erkenne und schon intuitiv mitsumme.

Wochenende, 23. und 24. Januar. Meine Begeisterung wächst. My Body Is A Cage wird vor allem auf Grund des melancholischen Endes zu meinem Geheimfavoriten. Auch die anderen Songs schaffen es zunehmend, mich zu begeistern. Außer Street Spirit, das wirkt noch immer etwas verschroben. Zum ersten Mal stelle ich erfreut fest, dass ich es hier wohl mit einem sehr guten Peter-Gabriel-Album zu tun habe. Von fehlender instrumentalischer Tiefe kann nun nicht mehr die Rede sein. Wahre Klangteppiche breiten sich vor mir aus und warten nur darauf, von mir entdeckt zu werden.

Dienstag, 26. Januar. So langsam funktionieren alle Songs ganz wunderbar. Ich bin süchtig nach Listening Wind, My Body Is A Cage und Power Of The Heart. Aber auch alle anderen Title sind mittlerweile ein wahrer Genuss – auch Street Spirit. Das sich die eigene Wahrnehmung eines Albums so stark wandeln, nahezu umkehren kann, ist für mich eine einmalige Erfahrung. Die Original-Songs, die ich mir vorher natürlich alle zu Gemüte geführt habe, sind vollkommen ausgeblendet. Scratch My Back ist kein Cover-Album. Scratch My Back ist ein vollkommen erwachsenes Album mit absolut eigenständigen Songs. Es muss sich auch nicht als Zwischenveröffentlichung bezeichnen lassen. Für mich ist Scratch My Back vor allem eines der besten Peter-Gabriel-Alben. In jedem Fall ein einmaliges. Das vage ich nach sechs Tagen intensiven Hörens zu behaupten.

Vor knapp einer Stunde. Ich sitze im Auto, bin auf der Heimfahrt und es läuft, was sonst, Scratch My Back. Ich beschließe all die überwältigenden Eindrücke der letzten Tage an dieser Stelle zu veröffentlichen. Zu Hause angekommen sagt mir mein iTunes, dass Scratch My Back gerade zum 31. Mal läuft.

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11 Kommentare

  • 1

    Andreas

    Nun, für mich klingt das nach einem richtigem Gabriel-Album; Wenn man zuerst voller Erwatungen reinhört, wird man schon fast etwas entäuscht… Erst nach jedem “unbewusstem” hören, wie eben z. B. zum arbeiten oder so, merkt man, was da eigentlich für geilen Sound läuft. Ab dem Moment kann man sich die CDs auch einfach alleine reinziehen. Ich freue mich darauf! PS: Witzige Idee mit dem Tagebuch! So wirds noch manchem gehen :-)

    27. Januar 2010, 9:12 Uhr
  • 2

    cyqurayte

    Ein Peter Gabriel Skeptiker wuerde jetzt sagen:

    “Ihr Peter Gabriel-Anhaenger seid so von seiner musikalischen Einmaligkeit ueberzeugt, dass ihr euch jedes Album so lange reinzieht, bis ihr euch so sehr darauf konditioniert habt, dass ihr es nur umwerfend finden koennt, weil ihr nur auf die Bestaetigung wartet, ein Peter Gabriel Song entfalte erst nach einer Weile seine Wirkung wie ein guter Wein. Diese Erkenntnis ist dabei fuer euch eine weitere Bestaetigung seiner Schaffenskraft.”

    27. Januar 2010, 16:51 Uhr
  • 3

    cyqurayte

    Das denke ich nicht selber, aber mir ist nur schon haeufiger der Gedanke gekommen. Wie erklaer ich meiner Freundin, die behauptet sie koenne nicht nachempfinden, wie ich einzelne Lieder andauernd hoeren kann, immer wieder und wieder, ohne dass mir langweilig wird, dass sie demnaechst wochenlang SMB hoeren soll, weil sie dann schon irgendwann merken wird, wie toll es ist, wenn sie es nur oft genug hoert? ;-)

    27. Januar 2010, 16:56 Uhr
  • 4

    Marcel

    Hehe, das Szenario kenne ich ;)

    27. Januar 2010, 17:01 Uhr
  • 5

    Mazze

    marcel ich muß dir recht geben.
    das ist nicht der peter wie wir ihnen kennen.
    er hat dieses mal was ganz anderes gemacht und das finde ich gut.
    es ist auch sehr mutig seine songs schon so zu veröffentlichen

    klasse pg

    kann kein fehlkauf werden (als alter pg fan)

    top:
    Book of Love
    Heroes
    My Body Is A Cage

    27. Januar 2010, 17:35 Uhr
  • 6

    LIA+++

    Da ich Peters Musik schon länger kenne, bin ich nun nicht allzu überrascht, dass er wieder etwas anderes ausprobiert. Mir gefällt das Ganze wirklich gut!
    Dazu muss ich aber sagen, dass ich orchestrierte Musik sehr mag.

    Mein Top (bisher):
    Listening Wind

    1. Februar 2010, 9:37 Uhr
  • 7

    LIA+++

    EDIT: Der übrigens links in der Reviewliste nicht auftaucht ;)

    1. Februar 2010, 9:38 Uhr
  • 8

    LIA+++

    EDITEDIT: Ich meine rechts, es ist Montag *stöhn* ;)

    1. Februar 2010, 9:39 Uhr
  • 9

    Marcel

    Danke für den Hinweis, Lia. Ich hätte den Faux-Pas wohl erst mitbekommen, wenn Listening Wind an der Reihe gewesen wäre.

    1. Februar 2010, 9:48 Uhr
  • 10

    haikai

    Ich habe mir das neue Album gerade komplett auf http://www.guardian.co.uk/music/musicblog/2010/feb/04/peter-gabriel-scratch-back angehört … ich bin absolut sprach- und fassungslos wie geiiiiiiiiiiiiiiiiiiiil das ist … ich musste mich nicht wie bei anderen Gabriel-Platten hineinhören … der Funken ist sofort bei allen Songs übergesprungen. Aber ganz besonders toll finde ich “The power of the heart”, da standen mir wirklich die Tränen in den Augen, und “Street Spirit”, das ja wirklich noch depressiver rüber kommt als das Orignal, was ich wirklich nicht für möglich hielt. Respekt Peter …

    10. Februar 2010, 23:15 Uhr
  • 11

    Christian

    Innerhalb von 8 Tagen habe ich das Album bereits 30 mal gehört. Meistens sogar recht intensiv mit einem guten Glas Wein und gedämpftem Licht. Finde es aber auch als Hintergrundmusik perfekt geeignet, gerad weil es musikalisch nicht so Sprunghaft ist. Habe es richtig im Herz geschlossen viele Töne wie hier bereits oft erwähnt findet man in alten Liedern wieder. Für nicht Gabriel Fans wird es eher traurig und etwas langweilig wirken, jedoch ist es ein Meisterwerk für seine Fans, die es wohl auch Liebendgern annehmen.

    Und ein großes Lob an Marcel, die Seite macht echt spaß weil man täglich merkt mit wieviel Begeisterung die Seite für die Anhänger gepflegt wird!

    20. Februar 2010, 13:45 Uhr

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